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Wohlstand für alle

1945 – 1966

Als der Zweite Weltkrieg endet, fehlt es Deutschland an so gut wie allem: an Rohstoffen, Arbeitskräften und schließlich auch an Lebensmitteln. Noch deutet nichts auf den raschen und anhaltenden Aufschwung hin, der schon bald als „Wirtschaftswunder“ in die Geschichtsbücher eingehen wird – und seither eng mit der Idee der Sozialen Marktwirtschaft verbunden ist.

Ludwig Erhard

Je freier die Wirtschaft, umso sozialer ist sie auch.

Im Jahr 1957 veröffentlicht Ludwig Erhard sein Buch „Wohlstand für alle“. Darin formuliert der Bundeswirtschaftsminister die Vision, dass weite Bevölkerungskreise vom Wirtschaftswachstum profitieren. Erhards Buch erscheint in einer Zeit des Aufschwungs, der bereits vor der Gründung der Bundesrepublik 1949 eingesetzt hat und bis Mitte der 1960er Jahre anhalten wird.

Günter Stoppa: Neubauten mit Spülklo
Günter Stoppa, Jahrgang 1932, wuchs in einer typischen Bergarbeiterfamilie in Essen auf. Er erzählt, warum Wohnraum in der Nachkriegszeit im Ruhrgebiet knapp war und wie dem Abhilfe geschaffen wurde.

© Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland / Zeitzeugenportal / www.zeitzeugen-portal.de

Im Laufe der 1950er Jahre verdreifacht sich das Bruttosozialprodukt, die Fahrzeugindustrie verfünffacht ihre Produktion – und schließlich herrscht Vollbeschäftigung.

0 50 100 150 250 200 1950 1955 1961 1960 1962 1963 1965 1964 1966

Entwicklung des Wirtschaftswachstums 1950 – 1966

(in Milliarden Euro) - bis 1960 ohne Saarland und West-Berlin

Quelle: Statistisches Bundesamt, Wirtschaft und Statistik 3/2009, S. 204

Nur zehn Jahre vorher ging es – statt um die Verteilung eines Wohlstands – um das bloße Überleben: Im Zweiten Weltkrieg hatte fast jede Familie Angehörige verloren, oft auch das Dach über dem Kopf und das gesamte Hab und Gut; Millionen von Flüchtlingen waren unterwegs, es fehlte an Kohle und auch an Nahrungsmitteln. Im Hungerwinter 1946/47 starben allein in Deutschland mehrere hunderttausend Menschen. Auch die Wirtschaft war nach den Jahren von Krieg und Kriegswirtschaft in desolatem Zustand: Produktionsstätten waren zerstört, viele Rohstoffe knapp, und die Reichsmark war als Währung nahezu wertlos. Auf den florierenden Schwarzmärkten setzten sich Zigaretten als Ersatzwährung durch. Hinzu kam eine enorme Unsicherheit darüber, wie die Zukunft aussehen würde: Würde Deutschland zum Agrarland ohne Großindustrie werden, wie es der Morgenthauplan vorsah? Oder würde die Wirtschaft im Sinne des Marshallplans wieder aufgebaut und in die Weltwirtschaft integriert werden?

Kinder scharen sich um Drehorgelspieler

© akg-images/Gert Schütz

Als Wirtschaftsminister Erhard 1957 „Wohlstand für alle“ veröffentlicht, ist diese Zeit der Unsicherheit längst überwunden. Die Zweiteilung Deutschlands in eine westliche „Tri-Zone“ und die sowjetische Besatzungszone wird 1949 durch Gründung der beiden deutschen Staaten manifestiert. Mit der Entscheidung für den Marshallplan ist klar: Westdeutschland soll am Wiederaufbau Westeuropas teilhaben und mitwirken. In der Folge entwickelt sich die junge Bundesrepublik zu einem Schaufenster des Kapitalismus, das ganz bewusst in den Osten strahlt.

Doch der Marshallplan ist nur einer von mehreren Faktoren, der den ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung in der Bundesrepublik in Gang setzt: Die D-Mark sorgt seit der Währungsreform 1948 für funktionierende Märkte und ist das Symbol der neuen ökonomischen Stärke; und eine neue Wirtschaftsordnung verbindet schließlich Wettbewerb, Privateigentum und Gewinnorientierung mit sozialem Ausgleich – sie wird unter dem Schlagwort Soziale Marktwirtschaft bekannt. Wichtige Elemente der neuen Wirtschaftsordnung sind das im Wirtschaftsministerium ausgearbeitete Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen und das Bundesbankgesetz. Bis heute gilt die Soziale Marktwirtschaft weit über Deutschland hinaus als ein Erfolgsrezept für eine an den Menschen und ihren Bedürfnissen orientierte Wirtschaftspolitik und für den Wohlstand breiter Bevölkerungsschichten.

„Auf einmal gab es alles“ – 60 Jahre Soziale Marktwirtschaft

© Bundesministerium für Wirtschaft und Energie

Zahlen und Fakten

27,3

Prozent der Haushalte
besitzen 1962 ein Auto

34,4

Prozent der Haushalte
haben 1962 einen Fernseher

34

Prozent der Haushalte
besitzen 1962 eine Waschmaschine

1/3

der Deutschen
fährt Anfang der 60er Jahre einmal im Jahr in den Urlaub

Die Minister

Prof. Dr. Ludwig Erhard

1949 – 1963

Prof. Dr. Ludwig Erhard

© Bundesregierung/Gerhard Heisler

Nach Gründung der Bundesrepublik im Jahr 1949 tritt Ludwig Erhard (CDU) als Wirtschaftsminister in das erste Kabinett Adenauer ein und bleibt bis 1963 in diesem Amt. Im Jahr 1963 wird der „Vater der Sozialen Marktwirtschaft“ dessen Nachfolger als Bundeskanzler. Die erste Rezession führt 1966 zu seinem Rücktritt, dem Bruch der CDU/CSU und FDP-Koalition und zur Bildung der Großen Koalition.

Kurt Schmücker

1963 – 1966

Kurt Schmücker

© Bundesregierung/Jens Gathmann

Mit 44 Jahren wird Kurt Schmücker (CDU) als jüngster Minister des ersten Kabinetts Erhard als Bundesminister für Wirtschaft berufen. Nach dem Rücktritt der FDP-Bundesminister im Oktober 1966 ist er bis zum 30. November 1966 gleichzeitig Bundesminister der Finanzen. Dem Kabinett der Großen Koalition gehört er von Dezember 1966 bis Oktober 1969 als Bundesschatzminister an.