Sprungmarken-Navigation

Die Wirtschaft schwächelt, der Wohlstand wächst trotzdem

1966 – 1982

Nach fast zwei Jahrzehnten ungebremsten Wachstums erlebt die Bundesrepublik etwas für sie ganz Neues: Die Wirtschaft schwächelt. Gleichzeitig steigen Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung. Doch weder diese erste noch die zweite Rezession in den 1970er Jahren erschüttern den deutschen Wirtschaftsoptimismus. In der Wirtschaftspolitik findet allerdings ein Kurswechsel statt.

Demonstrierende Stahlarbeiter

Stahlarbeiter der Thyssenwerke in Duisburg demonstrieren aus Sorge um ihre Arbeitsplätze.

© Picture Alliance/Klaus Rose

In den 1950er Jahren wächst die Wirtschaft in Westdeutschland im Durchschnitt um herausragende 8,2 Prozent pro Jahr. Noch bis Mitte der 1960er Jahre hält das Wirtschaftswunder an, dann passiert etwas Unerwartetes: Im Jahr 1967 geht das Bruttosozialprodukt erstmals zurück – die deutsche Wirtschaft schrumpft. Dies markiert den Übergang zur Normalität, die Aufbaukonjunktur ist vorbei, die erste Krise da. Und mit der Rezession einher gehen sinkende Steuereinnahmen und steigende Arbeitslosigkeit.

0 0,5 1,0 2,0 1,5 1966 1970 1974 1978 1982

Entwicklung der Arbeitslosigkeit 1966 – 1982

(in Millionen)

Quelle: Arbeitsmarktstatistik der Bundesagentur für Arbeit

Das Bundeswirtschaftsministerium betrachtet die Entwicklung mit Sorge. 1967 tritt das Stabilitätsgesetz in Kraft. Es definiert ein „magisches Viereck“ und damit vier teilweise konkurrierende Ziele, die für das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht im Einklang sein sollen: Vollbeschäftigung, Geldwertstabilität, Wirtschaftswachstum und außenwirtschaftliches Gleichgewicht. Zusätzlich enthält es verschiedene Instrumente, die Konjunkturschwankungen in Zukunft glätten sollen. Auf diese sogenannte Globalsteuerung setzt das Ministerium bis in die 1970er Jahre hinein.

Deutschlandspiegel 325/1981

© Bundesarchiv, Abt. Filmarchiv, Deutschlandspiegel 325/1981

Doch auch die neue Konjunkturpolitik mit stärkeren Eingriffen in die Wirtschaft kann die zweite Rezession nicht verhindern. 1973 rauscht die in weiten Teilen motorisierte Bundesrepublik mit Vollgas in die erste Ölkrise. Die Energiekosten steigen sprunghaft an, und die leeren Autobahnen werden zum Symbol der ökonomischen Verwundbarkeit. Bis 1975 geht die deutsche Wirtschaftsleistung abermals zurück, die Lebenshaltungskosten steigen, und die Kaufkraft sinkt.

0 50 100 150 200 250 1966 1970 1974 1978 1982

Ausgaben für Sozialleistungen 1966 – 1982

(in Milliarden Euro)

Quelle: Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Sozialbudget 2017, S. 8

Zapfsäule mit Schild "Ausverkauft"

Die anhaltende Ölkrise 1973 macht Benzin und Diesel teuer und rar.

© Picture Alliance/dpa

Die Bundesregierung reagiert auf die Ölkrise mit dem Energiesicherungsgesetz – das neben vier autofreien Sonntagen zum Beispiel auch eine Rationierung von Treibstoffen vorsieht – und mit einer neuen Energiestrategie. In der Folge entsteht etwa eine Reihe neuer Kernkraftwerke.

leere Autobahn

© Picture Alliance/Michael Moesch

Doch trotz zweier Wirtschaftskrisen binnen weniger Jahre: Bis in die 1980er Jahre hinein erleben die Westdeutschen insgesamt einen fast kontinuierlichen Aufschwung, und die real verfügbaren Einkommen steigen. Während 1962 noch 58 Prozent des Einkommens für Wohnung, Nahrung und Kleidung ausgegeben werden mussten, sinkt der Wert bis 1978 auf 42 Prozent. Der größere Teil des Einkommens fließt nun nicht mehr in unmittelbar lebensnotwendige Dinge. Stattdessen kaufen immer mehr Menschen ein eigenes Auto, richten sich Eigenheime ein und fahren nach Italien oder in andere Länder, in denen die „harte“ D-Mark hoch geschätzt wird. Der Wohlstand ist nun endgültig in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Barbara Brand: „Fasse dich kurz!“
Die gelernte Telefonistin Barbara Brand erinnert sich, wie sie Anfang der 70er Jahre ihr erstes Telefon erhielt und erklärt, warum sie privat selten telefonierte.

© Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland/Zeitzeugenportal, www.zeitzeugen-portal.de

Zahlen und Fakten

61,8

Prozent der Haushalte
besitzen 1978 ein Auto

93,2

Prozent der Haushalte
haben 1978 einen Fernseher – heute sind es kaum mehr

81

Prozent der Haushalte
besitzen 1978 eine Waschmaschine

25

Urlaubstage
haben Arbeitnehmer im Schnitt

Die Minister

Prof. Dr. Karl Schiller

1966 – 1971 und 1971 – 1972

Prof. Dr. Karl Schiller

© Bundesregierung/Jens Gathmann

In der Regierung der Großen Koalition übernimmt Karl Schiller (SPD) das Amt des Bundeswirtschaftsministers. Der Sozialen Marktwirtschaft fügt er sein Konzept der „Globalsteuerung“ hinzu. Im Mai 1972 fordert Schiller Einsparungen bei den Ausgaben und gleichzeitige Steuererhöhungen, um Fehlbeträge im Haushalt auszugleichen. Bundeskanzler und Kabinett sind dazu nicht bereit. Daraufhin tritt Schiller als Wirtschafts- und Finanzminister zurück.

Helmut Schmidt

1972

Helmut Schmidt

© Bundesregierung

Nach dem Rücktritt von Karl Schiller übernimmt Helmut Schmidt (SPD) vorübergehend das Amt des Bundesministers für Wirtschaft und Finanzen. Ab 1972 führt er das Bundesministerium der Finanzen, bevor er nach dem Rücktritt von Bundeskanzler Willy Brandt zum Bundeskanzler gewählt wird. Zusammen mit dem französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing ruft Helmut Schmidt 1975 den Weltwirtschaftsgipfel ins Leben.

Helmut Schmidt im Interview mit Kai Diekmann, Walter Mayer und Hans-Jörg Vehlewald, Zeit Online, 23. Juli 2008

Ich halte den Sozialstaat (…) für die größte Kulturleistung, die die Europäer im Lauf dieses schrecklichen 20. Jahrhunderts zustande gebracht haben.

Dr. Hans Friderichs

1972 – 1977

Dr. Hans Friderichs

© Bundesregierung/Jens Gathmann

Nach der Bundestagswahl 1972 wird Friderichs (FDP) im zweiten Kabinett Brandt zum Bundesminister für Wirtschaft ernannt. Das Amt behält er auch unter dem seit dem Jahr 1974 amtierenden Bundeskanzler Helmut Schmidt. Im Jahr 1977 gibt Friderichs sein Amt auf und wechselt in den Vorstand der Dresdner Bank.